Der Weg zur autonomen Produktion Teil 2 -- drupa - 2028 - Messe Düsseldorf Zum Hauptinhalt springen

Der Weg zur autonomen Produktion

























Teil 2: Strategische Weichenstellungen für die autonome Produktion

Im ersten Teil haben wir die drei Entwicklungsphasen der autonomen Druckproduktion bis hin zur „Dark Factory“ beschrieben. Doch so beeindruckend die technologischen Möglichkeiten auch sind, sie werfen eine zentrale Frage auf: Wie übersetzen Druckdienstleister diese Vision in konkrete Geschäftsentscheidungen? Damit Automatisierung echte Wertschöpfung generiert, braucht es eine strategische Ausrichtung. In diesem zweiten Teil gehen wir auf die strategischen Imperative ein und erstellen einen konkreten Fahrplan.

Strategische Imperative: Wert, Talent, Nachhaltigkeit

Technologie ist zwar die Voraussetzung, sie ersetzt aber keine strategische Ausrichtung. Entscheidend ist, wofür Automatisierung eingesetzt wird, wie sie in bestehende Strukturen eingebettet ist und welchen Beitrag sie zum Geschäftserfolg leistet. In der Praxis laufen viele Entscheidungen auf drei Grundsätze hinaus: Unternehmen müssen Wertschöpfung höher gewichten als reines Volumen, menschliche Kompetenzen gezielt dort einsetzen, wo sie Wirkung entfalten, und Nachhaltigkeit als festen Bestandteil des Betriebs begreifen.

Wert statt Volumen: Wachstum neu denken

Der Wachstumsbegriff verändert sich. Entscheidend für den Erfolg ist nicht die Anzahl der Seiten, sondern der Wert, der je Auftrag und je Seite entsteht. Massenanpassung, also individualisierte Druckprodukte in großem Maßstab, kann Kommunikation relevanter machen, Streuverluste reduzieren und die Marge verbessern. Gleichzeitig zahlt sich Effizienz doppelt aus, wenn bedarfsgerecht produziert wird, da Überproduktion sinkt, gebundenes Kapital aus Lagerbeständen freigesetzt wird und Ausschuss vermieden werden kann. Am Ende entsteht ein Modell, in dem eine geringere Auflage nicht zu einem niedrigeren Ergebnis führt, sondern oft zu einer größeren Wirkung.

Nachhaltigkeit: Von der Option zum Prinzip

Die Fähigkeit, just-in-time und just-in-quantity zu produzieren, entwickelt sich zu einem zentralen Nachhaltigkeitsfaktor. Automatisierung trägt dazu bei, Überbestände, Retouren und Ressourcenverschwendung zu vermeiden, da Prozesse planbarer werden und Materialflüsse genauer auf den tatsächlichen Bedarf abgestimmt werden können. Besonders im Verpackungsdruck zeigt sich, wie datenbasierte Abläufe dabei helfen, regulatorische Anforderungen pragmatisch umzusetzen, etwa durch passendere Verpackungsgrößen und weniger Füllmaterial. So wird Nachhaltigkeit nicht als separates Zusatzthema behandelt, sondern ergibt sich als Konsequenz effizienter, sauber geführter Prozesse.

Menschen als strategische Akteure

Automatisierung und KI ersetzen keine Menschen, sondern verschieben Aufgaben und schaffen neue Schwerpunkte. Wenn repetitive Tätigkeiten abnehmen, gewinnen Überblick, Entscheidungskraft und Gestaltungsspielraum an Bedeutung. Die wertvollsten Beiträge entstehen dort, wo menschliches Urteilsvermögen gefragt ist: bei der Auswahl tragfähiger Geschäftsmodelle, dem Aufbau belastbarer Kundenbeziehungen, der Weiterentwicklung des Portfolios oder der sinnvollen Integration neuer Technologien in den Alltag.

In der nächsten Investitionswelle geht es deshalb nicht nur um Maschinen, sondern auch um die digitale Infrastruktur, die alles zusammenhält. Systemintegration, Datenqualität und eine klare Governance werden zu den Hebeln, die Fortschritt überhaupt erst skalierbar machen und dauerhaft absichern.

Was bedeutet das für Entscheidungsträger?

Der Weg zur autonomen Druckproduktion ist selten ein Technologiesprung über Nacht. Vielmehr entsteht er durch eine strategisch aufgebaute Abfolge von Investitionen und Organisationsentscheidungen. Wer heute die Weichen stellt, kann schrittweise die Voraussetzungen schaffen, um wettbewerbsfähig zu bleiben, Wachstum gezielter zu steuern und die eigene Organisation widerstandsfähiger zu machen.

Die vier wichtigsten Handlungsfelder lassen sich gut in konkrete Programme übersetzen und zeitlich staffeln.

1. Jetzt: Die Basis stabilisieren

  • Bestehende Automatisierungsinseln verbinden, indem Systeme aus MIS oder ERP, Druckvorstufe und Produktion konsequent miteinander verknüpft werden.
  • Datenqualität sichern, indem Prozesse identifiziert werden, die noch stark von manuellen Eingaben abhängen, und diese Eingaben schrittweise automatisiert oder plausibilisiert werden.
  • Nutzungspotenziale erschließen, weil saubere, strukturierte Daten der Rohstoff sind, auf dem alle weiteren Automatisierungsstufen aufbauen.

2. In den nächsten 12–18 Monaten: Vorausschau ermöglichen

  • Sensorik, Protokollierung und Analysefunktionen so erweitern, dass aus Alarmen belastbare Vorhersagen werden und Entscheidungen früher getroffen werden können.
  • Serviceverträge stärker mit Leistungsdaten und Datenzugriff verknüpfen, damit Transparenz entsteht und Stillstände besser planbar werden.
  • Erste Pilotprojekte für Predictive Maintenance oder KI gestützte Workflows umsetzen, um Lernkurven früh aufzubauen und Nutzen real zu messen.

3. In 18–36 Monaten: Übergaben reduzieren

  • Durchgängige Linien aufbauen, in denen Aufträge nicht zwischen Produktionsschritten warten, sondern in einem stabilen Fluss verarbeitet werden können.
  • Barcodegesteuerte Abläufe, Inline Inspektionen und automatisierte Rückkopplungsschleifen etablieren, damit Qualität nicht nachgelagert geprüft, sondern im Prozess abgesichert wird.
  • So steigt die Produktionsgeschwindigkeit, Fehlerquellen nehmen ab und Fachkräfte werden dort entlastet, wo heute besonders viel Zeit verloren geht.

4. Ab 36 Monaten: Netzwerke erweitern

  • Plattformen beitreten oder selbst aufbauen, um Aufträge flexibel an den Standort weiterzuleiten, der Kapazität, Kosten und Lieferzeit am besten erfüllt.
  • Schnittstellen standardisieren, damit Integrationen ohne individuelle Entwicklungen möglich werden und neue Partner schneller angeschlossen werden können.
  • Dezentrale Produktionsmodelle ermöglichen dadurch schnelle Skalierung, ohne die Nähe zum Kunden zu verlieren.

Kompromisse, Risiken und klare Fortschrittsindikatoren

Die Transformation hin zur autonomen Produktion ist vielversprechend, bringt jedoch auch technische, organisatorische und strategische Herausforderungen mit sich. Wer nachhaltig investieren möchte, sollte diese Aspekte von Anfang an berücksichtigen, da sie die Geschwindigkeit, die Kosten und die Akzeptanz im Unternehmen entscheidend beeinflussen.

Komplexität der Integration

Cloud-Plattformen und iPaaS können technische Reibungsverluste reduzieren. Trotzdem bleiben Altanlagen, individuelle Skripte und Sonderfälle im Alltag Realität. Es lohnt sich daher, bewusst Puffer für Adaptionen, Sicherheitsprüfungen, laufende Datenpflege und die Koordination heterogener Systeme einzuplanen, denn genau dort entstehen häufig die verdeckten Projektkosten.

Talente und Wandel aktiv gestalten

Roboter und KI verändern Aufgabenprofile, ohne automatisch ganze Rollen zu ersetzen. Gerade deshalb sind gezielte Umschulungen, digitale Arbeitsanweisungen und verlässliche digitale Zwillinge wichtig, da sie Know-how sichern und Qualitätsstandards in einem zunehmend automatisierten Umfeld reproduzierbar machen. Wenn Wissen nur in Köpfen steckt, wird Skalierung schnell zur Engstelle.

Abhängigkeit von Plattformanbietern

Je mehr Prozesse auf externen Plattformen laufen, desto relevanter wird das Risiko eines Lock-ins. Strategien für Datenportabilität und Exit-Optionen sollten daher früh definiert werden, um die Handlungsfähigkeit zu erhalten, auch wenn sich Anbieter, Preise oder Bedingungen ändern. Offene Schnittstellen und transparente Datenmodelle sind dabei kein Nice-to-have, sondern ein Schutzmechanismus.

Qualitätssicherung als Schlüssel

Zero Touch funktioniert nur, wenn das Vertrauen in die automatisierten Regelkreise gerechtfertigt ist. Wer weniger manuell kontrolliert, muss stärker in Inline-Kontrollen und geschlossene Feedbackschleifen investieren, da Fehler, die spät entdeckt werden, in automatisierten Workflows besonders teuer werden können. Qualität wird damit zu einer entscheidenden Voraussetzung und nicht zur nachgelagerten Kontrolle.

Woran erkennt man, dass man auf dem richtigen Weg ist?

  • Auftragsdaten werden einmal erstellt und in allen Prozessschritten konsistent weiterverwendet, von der Planung über den Druck bis zur Weiterverarbeitung.
  • Bediener arbeiten mit digitalen Arbeitsanweisungen und können bei Bedarf auf AR oder MR basierte Assistenzsysteme zugreifen.
  • Wartungsmaßnahmen werden vorausschauend geplant und als Teil der Produktionslogik gesteuert, und treten nicht unverhofft als Notfall auf.
  • Rüstzeiten sinken, Betriebszeiten steigen und die Qualität bleibt stabil, auch wenn die Produktvielfalt weiter zunimmt.

Autonome Produktion ist kein Show-Case, sie ist ein Geschäftsmodell

Die autonome Druckproduktion ist kein PR-Thema, um Maschinen im besten Licht zu präsentieren. Sie ist eine konkrete Antwort auf reale Marktanforderungen wie den Fachkräftemangel, Nachhaltigkeitsziele und den steigenden Margendruck. Der erste Schritt besteht darin, vernetzte Automatisierung zu etablieren, vorausschauende Intelligenz hinzuzufügen und die Voraussetzungen für Zero-Touch-Prozesse zu schaffen, in denen Materialfluss und Informationsfluss ohne Wartezeiten zusammenspielen.

Je besser Unternehmen Daten nutzen, Systeme integrieren und Abläufe konsequent gestalten, desto effizienter, resilienter und anpassungsfähiger werden sie. In eine digitale Infrastruktur zu investieren bedeutet deshalb, Kapazitäten zu sichern, Risiken zu reduzieren und Spielraum für hochwertige Anwendungen zu schaffen, die den nächsten Wachstumszyklus im Druckgeschäft prägen werden.

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