Die Druckindustrie - eine Branche in der Selbstfindung -- drupa - 28. Mai - 7. Juni 2024 - Messe Düsseldorf
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Die Druckindustrie - eine Branche in der Selbstfindung


















Von Jean Poncet, Chefredakteur von MP Médias, Frankreich

Endlich wieder drupa! Innerhalb der vergangenen acht Jahre hat die Druckindustrie eine Transformation vollzogen und ist kaum wiederzuerkennen. Die drupa 2024 spiegelt diesen Wandel wider, wobei sie sogar noch mehr Aspekte der Druckindustrie abdecken wird – angefangen bei Publikationen und Verpackungen über den Großformatdruck für POS-Displays (Point of Sale) bis hin zum Dekordruck sowie den Druck auf Textilien, Holz, Linoleum und Keramik. Erinnern wir uns an die Prognose von Indigo-Gründer Benny Landa, die Welt werde digital und die Druckindustrie könne sich diesem Wandel nicht entziehen. Keine Frage: Visionär Landa hatte Recht. Mit der Digitalisierung, oder vielleicht gerade deshalb, kann tatsächlich alles „entmaterialisiert“ werden. Was aber noch wichtiger ist: Alles kann gedruckt werden – auf jedes Material!

Diese Entwicklung hat den Markt zweifelsfrei aufgewühlt, insbesondere die Druckdienstleister. Der Akzidenzdruck ist – gelinde gesagt – eingebrochen. Große, scheinbar wie ein unangreifbarer Fels in der Brandung stehende Markenunternehmen wie Kodak in den USA, Agfa-Gevaert in Belgien oder Heidelberg in Deutschland mussten sich neu erfinden. Anbieter von Papier und Kartonmaterialien – sowohl Hersteller als auch Händler – waren gezwungen, in die Verpackungsbranche einzusteigen. Zum Beispiel das französische Unternehmen La Galiote verabschiedete sich vom Direktmarketing und erweiterte seine Dienstleistungsangebote um Verpackungslösungen, einschließlich Boxen und Faltschachteln. Die Branche hat in kurzer Zeit einen bemerkenswerten Wandel vollzogen. Doch was bringt die Zukunft?

Ihre Unternehmerinnen und Unternehmer fragen sich, welche Möglichkeiten sich ihnen bieten und welche Hoffnungen sie mit diesen verbinden können. Hier einige Fragen, über die sie nachdenken müssen, wollen sie erfolgreich bleiben. Ich verwende das Wort „nachdenken“, weil ich nicht sicher bin, ob ich die Antworten kenne.

  • Wird Nachhaltigkeit weiterhin zu den entscheidenden Triebfedern zählen?
  • Wird die Digitalisierung weiter voranschreiten?
  • Ist Spezialisierung nach wie vor der Schlüssel zum Erfolg?
  • Sind Web-to-Print und Web-to-Pack die ultimativen Lösungen?

Den Planeten retten

Keine Frage, die Druckindustrie muss ihre Umweltverträglichkeit weiter verbessern – eine unumkehrbare und zweifellos positive Entwicklung. Aber wer kann mit Sicherheit sagen, ob die Antworten, die wir heute geben, morgen noch dieselben sein werden? Im November 2022 sah ich auf dem CEPI-Kongress (European Confederation of Paper Industries) die angespannten, geradezu verängstigten Mienen der Vertreter der Papier- und Kartonindustrie. Alle fieberten der berühmten europäischen Verpackungs- und Verpackungsabfallverordnung (Packaging and Packaging Waste Regulation / PPWR) ­entgegen. Es wurde befürchtet, die Zukunft der Verpackungen könne vollständig auf Wiederverwendung liegen und der Begriff „Recycling“ könnte aus der Gleichung gestrichen werden. Letztlich wurden beide Konzepte in der Verordnung verankert, was bei Papier und Faltschachtelkarton, die vergleichsweise wenig wiederverwendbar sind, für eine gewisse Erleichterung sorgte. Der Gau wurde knapp abgewendet. Aber für wie lange?

Hier müssen wir festhalten, dass der heftige Widerstand gegen Kunststoffe dank ihrer Wiederverwendung einem kunststofffreundlichen Trend gewichen ist. Wir sind mit dem Ziel gestartet, Kunststoffe zu vermeiden - aber das Gegenteil ist eingetreten. Als in Frankreich die dünnen Plastiktüten an den Kassen verschwinden mussten, reagierte die Polymerindustrie mit der Herstellung stärkerer Folientüten mit Dicken von mehr als 50 µ. Die Absicht lautete, den Kunststoffverbrauch zu verringern, doch letztlich wird noch mehr Kunststoff eingesetzt! Wir müssen uns auf jeden Fall an der Umweltdebatte beteiligen, das steht außer Frage, aber aus meiner Sicht müssen wir auch bereit sein, kurzfristig flexibel zu reagieren: Denn was heute richtig scheint, kann morgen schon widerlegt sein. Und umgekehrt.

Die Bezugsgrößen verändern sich

Der Digitaldruck wächst kontinuierlich, und seine Technik wird permanent weiterentwickelt. Deshalb sollten wir ihn nicht außer Acht lassen. Ohnehin, wer wollte oder – besser gesagt – wer könnte es sich leisten, ihn heute zu ignorieren? Auf der anderen Seite wurden die so genannten konventionellen Druckverfahren verbessert und Lösungen entwickelt, die ihnen den Wettstreit mit rein digitalen Lösungen ermöglichen. Die Auflagenhöhen, die darüber entscheiden, ob, ab wann oder bis wann der Digital-, der Offset- oder der Flexodruck rentabler sind, sind deutlich gesunken.

Ob 100 Plakate auf Bogenoffset- oder großformatigen Inkjet-Druckmaschinen produziert werden, macht praktisch keinen Unterschied. Wahrscheinlich wird das künftig sogar noch für kleinere Auflagen gelten. Auch der Zeitaufwand ist in etwa gleich. Doch machen wir uns nichts vor: Kleinstauflagen sind bei industriell ausgerichteten Druckdienstleistern eher selten zu finden. In der Etikettenindustrie entspricht der Anteil des Digitaldrucks unter 10 % der bedruckten Fläche, aber fast einem Drittel der Wertschöpfung. Digital gedruckte Verpackungen aus Wellpappe machen lediglich einen verschwindend geringen Teil der Gesamtproduktion aus. Auf der letzten drupa erklärte der CEO eines Herstellers von Digitaldruckmaschinen für diesen Markt, es käme einem Boom gleich, würde der Digitaldruck hier 2 % Marktanteil erreichen. Von diesem Punkt sind wir noch weit entfernt.

Ein Druckdienstleister, der verschiedene Druckverfahren einsetzt, erklärte kürzlich, er biete zwar digitale Dienstleistungen an, diese hätten aber keinen wesentlichen Anteil an seinen Umsätzen oder an seinem Lebensunterhalt. Vielleicht ist das der Grund, weshalb der Hybriddruck an Zugkraft gewinnt: eine Kombination verschiedener Druckverfahren oder – für besonders Ambitionierte – aller verfügbaren Druckprozesse in einzelnen Produktionslinien. Und auch für die junge Generation hat der Hybriddruck eine besondere Anziehungskraft, was vor allem in einer Zeit, in der der Begriff „Industrie“ in den Schulen eher reserviert betrachtet wird, für Rekrutierung neuer Arbeitskräfte entscheidend ist.

Spezialisierung oder Alleskönner?

Es ist zweifelsohne die zentrale Frage: Sollten sich Druckdienstleister darauf spezialisieren, im Markt die Besten zu sein, am hellsten zu scheinen und schnell wie niemand sonst reagieren zu können? Oder ist Spezialisierung im Gegenteil passé? Und sollten Unternehmen ihren Kundinnen und Kunden heute ein breitestmögliches Dienstleistungsspektrum anbieten? Es ist nicht einfach, diese Frage abschließend zu beantworten. Denn es wird immer Gegenbeispiele geben. Eines aber ist sicher: Die wirtschaftliche Entwicklung und die unternehmerischen Prioritäten unterliegen Zyklen. Und der Zyklus der Spezialisierung hat in einer Zeit rasanter Beschleunigung lange Bestand gehabt. Darüber hinaus zwingen Veränderungen in Märkten Unternehmen, Ersatz für rückläufige Aktivitäten zu finden.

Vor dem Hintergrund der schrumpfenden Auflagen und des rückläufigen Auftragseingangs boten Akzidenzdruckereien – getreu dem Motto „rette sich wer kann“ – zunächst ergänzende Dienstleistungen an (zum Beispiel die Überwachung der Lagerbestände von Druckerzeugnissen oder Augmented Reality). Und sie erweiterten ihr Portfolio um den Großformatdruck, die Etikettenherstellung und sogar Faltschachteln. Gleichermaßen wagten sich Etikettendrucker an Faltschachteln oder flexible Verpackungen heran. Zum Beispiel Stratus Packaging diversifizierte in Richtung Sleeves und In-Mould-Etiketten (IML). Ein weiteres Beispiel sind Großformatdrucker, die in die Produktion von Boxen im US-Design einstiegen.

In einer extrem wettbewerbsintensiven Welt mit immensem Preisdruck fehlt Einkäufern häufig die Zeit, kleine Mengen zu bestellen oder für zusätzliche Einkäufe. So verlassen sie sich auf ihre bewährten Lieferanten. Von diesem Ansatz profitieren alle Seiten. Daher ist es wichtig, die Diversifizierung im Auge zu behalten. Sie generiert nicht nur Umsatz. Vielmehr fördert sie auch die Kundenbindung.

Qualität ins rechte Licht rücken

Vielleicht ernte ich von den meisten Online-Druckern Widerspruch. Aber der Aufstieg des Web-to-Print oder Web-to-Pack geht mit einer Verschiebung der Prioritäten von der Qualität zu den Preisen und vor allem zu den Services einher. Beginnen wir mit der Qualität: Der Druck hat große Fortschritte gemacht – unterstützt von Software, die Bilder optimiert. So wird heute fast alles in einigermaßen guter Qualität gedruckt. Infolgedessen hat Web-to-Print im Markt seinen Platz gefunden. Die Druckqualität reicht aus, um Kunden zufriedenzustellen. Regional agierenden Markenartikelherstellern bietet sie Möglichkeiten, Produkte ohne größere Risiken auf den Markt zu bringen.

Allerdings können nicht alle Druckdienstleister in Web-to-Print einsteigen – setzt dieses Geschäft doch große Druckvolumen und ausgefeilte Prozesse voraus, um rentabel produzieren zu können. Es erfordert ein umfangreiches Angebot verschiedener Druckerzeugnisse und Materialien, einen geeigneten Maschinenpark und vor allem qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Steuerung der Arbeitsprozesse sowie ausreichend Mitarbeitende im Versand. Viele Druckdienstleister haben das erkannt und bieten eine Art von Web-to-Print an, die ihren Stammkunden vorbehalten bleibt. Wer Web-to-Print anbieten will, muss geeignete Entscheidungen hinsichtlich seiner maschinentechnischen Ausstattung und seiner Software treffen. Hier ist der Besuch der drupa unerlässlich.

Doch zunächst muss jeder Druckdienstleister den Mut aufbringen, über die künftige Ausrichtung seines Unternehmens zu entscheiden. Offen gestanden ist das alles andere als eine leichte Aufgabe! Wir werden die gesamte drupa-Zeit benötigen, um Erkenntnisse zu gewinnen und zu verstehen, wohin sich unsere Branche entwickelt – zumindest bis zur nächsten drupa in vier Jahren.

Über den Autoren:

Jean Poncet ist seit nahezu 20 Jahren in der Druck- und Verpackungsindustrie aktiv. Aktuell leitet er das Redaktionsteam des Verlags MP Médias, der in Frankreich mehrere Fachzeitschriften herausgibt: Etiq&Pack mit Fokus auf Etiketten und den Verpackungsdruck, mit Pap’Argus das führende Magazin im Papier- und Kartonmarkt, mit Premium & Luxe eine auf Luxusverpackungen spezialisierte Publikation, das auf Behälter für Flüssigkeiten und ihre Abfüllung spezialisierte Magazin Liquides & Conditionnement sowie schließlich S’E’, ein Magazin mit Schwerpunkt auf den Großformatdruck für den Point of Sale. Zudem organisiert MP Médias Konferenzen rund um diese Themen. Darüber hinaus ist Jean Poncet Präsident der europäischen Digitaldruck-Vereinigung European Digital Press Association (EDP).

Poncet ist auf LinkedIn erreichbar.

 

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