Digitaldruck: das Schweizer Taschenmesser für einen sich stetig verändernden Markt -- drupa - 28. Mai - 7. Juni 2024 - Messe Düsseldorf
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Digitaldruck: das Schweizer Taschenmesser für einen sich stetig verändernden Markt


 

















von Tiziano Polito - Stellvertretender Chefredakteur - Emballages Magazine - Infopro Digital Group

Schon seit einiger Zeit wird der Digitaldruck für die Herstellung großer Auflagen personalisierter und individualisierter Druckerzeugnisse eingesetzt, die verschiedene Zielgruppen ansprechen. Jetzt wird er auch den Erwartungen der Öffentlichkeit und der Hersteller hinsichtlich ökologischer Aspekte gerecht – insbesondere was die Wiederverwendbarkeit anbelangt. Morgen werden wir mit diesem Druckverfahren zweifellos weitere Herausforderungen bewältigen können – vorausgesetzt, die gesamte Lieferkette zieht mit.

Flexibel wie ein Schweizer Taschenmesser passt sich der Digitaldruck an den Markt an – je nach Jahreszeit und Bedarf. Vor zehn Jahren personalisierte Coca-Cola mit dieser Drucktechnik in Zusammenarbeit mit HP Indigo 800 Millionen Produkte mit einigen tausend Vornamen. Die gigantische Marketing-Aktion mit dem Namen „Share a Coke“ (in Deutschland hieß sie „Trink `ne Coke mit…“) wurde zu einem derart durchschlagenden wirtschaftlichen Erfolg, dass sie noch heute an Wirtschafts- und Marketing-Fakultäten in aller Welt sowie in der Fachliteratur als Paradebeispiel gelehrt wird. Als sich die Industrie schließlich schrittweise von der Massenproduktion abwandte, um den Markt differenzierter und verschiedene Zielgruppen fokussierter anzusprechen, wurden mit Digitaldruckmaschinen zunehmend kleinere Auflagen von Verpackungen und Etiketten gedruckt – zu erschwinglichen Preisen und bei kurzen Produktionszeiten.

Der Markt hat sich tatsächlich verändert. Coca-Cola und Unternehmen wie beispielsweise Danone oder Nestlé – und sogar kleinere Hersteller von unter anderem Markenschokolade und Kaffee – produzieren nicht mehr Millionen gleiche Produkte, wie sie das früher getan haben. Vielmehr gehen sie mit Varianten ansonsten gleicher Produkte in den Markt – mit unterschiedlichen Aromen (zum Beispiel Orange, Erdbeere oder Vanille), mit verschiedenen Geschmäckern (vollmundig, leicht, mittel), mit verschiedenen Farben und mit unterschiedlichen Packungsgrößen (0,33, 0,5, 1, und 1,5 Liter). Alle Verbraucherinnen und Verbraucher sollen finden können, was ihrem Geschmack entspricht. Im Zeitalter der „Ich-Bezogenheit“ (Me, myself and I / das Einzige, was wirklich zählt, bin ich), in dem Konsumentinnen und Konsumenten auf dem Markt „exakt die“ Produkte finden möchten, die zu ihnen passen, ist der Digitaldruck die perfekte Lösung.

Darüber hinaus deckt die digitale Technik die Anforderungen der Verpackungsindustrie an eine zunehmend optimierte Lieferkette ab – hinsichtlich der Kosten und des „richtigen“ Bedarfs. Zum Beispiel in der Luxusgüterindustrie müssen Parfüm- und Kosmetik-Hersteller heute nicht mehr tausende Verpackungsvarianten vorhalten. Sie kaufen nach Bedarf und je nach Lagerbestand in weltweit verschiedenen Shops und erteilen Aufträge an Hersteller von Verpackungen für Luxusartikel, die mit digitaler Technik Faltschachteln in Stückzahlen von lediglich einigen Dutzend und für die benötigten Farben drucken: zum Beispiel dreißig Schachteln für den Lippenstift Nummer 656, fünfundzwanzig für den Lippenstift 543, vier Schachteln für den Lippenstift Gloss 334 und einhundertfünfzig für die Farbe 25. Die Möglichkeit, praktisch auf Knopfdruck zu drucken, ohne dass Kosten für Druckformen entstehen, und der verkürzte Zeitaufwand einschließlich der Rüstprozesse zählen zu den entscheidenden Vorteilen der digitalen Technik gegenüber den herkömmlichen Verfahren.

Seit Ende der 2010er Jahre hat sich der Markt an diese Arbeitsabläufe gewöhnt. So werden große Auflagen im Offset- oder im Flexodruck produziert, während der Digitaldruck bei Nachbestellungen, Einmalbestellungen oder bei Produkteinführungen und Sonderauflagen zum Zuge kommt. Unternehmen wie MR Cartonnages Numérique mit Sitz in der Region Paris haben sich auf diese Art von Service spezialisiert. 

In Zeiten, in denen der Umweltschutz in der Verpackungsindustrie zur obersten Priorität geworden ist, schlägt der Digitaldruck nach wie vor hohe Wellen. Und einmal mehr profitieren die Industrie, die Verbraucherinnen und die Verbraucher von ihm. Ein gutes Beispiel stammt aus der Region Lyon in Frankreich. Es geht hier um die Wiederverwertung von Verpackungen – eine Praxis, die die Pariser Regierung im Rahmen des „3R“-Ansatzes (Reduce, Reuse, Recycle / Reduzieren, Wiederverwenden, Recyceln) entwickeln möchte, um das Abfallaufkommen zu begrenzen.

Didier Loffreda, CEO der Etikettendruckerei Lorge, glaubt, dass die Wiederverwendung in der Lebensmittel- und Getränkebranche sogar noch weiter zunehmen wird. Die Gründe hierfür sieht er in den gesetzlichen Bestimmungen, aber vor allem bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern, die nachhaltigere Lösungen suchen und bereit sind, Verpackungen dorthin zurückzubringen, wo sie Produkte gekauft haben. Um diese Entwicklung zu unterstützen, investierte Lorge im vergangenen Jahr in eine Digitaldruckmaschine HP Indigo 8K. „Wir haben bereits Kontakt mit großen Konzernen wie Bonduelle und Léa Nature oder La Ravoire in der Weinbranche. Sie alle sind sehr an diesem Projekt interessiert“, so Loffreda. Bis 2022 hat das Unternehmen 750.000 Etiketten für diesen Marktbereich produziert, hauptsächlich für kleine und mittelgroße Unternehmen wie die Brauerei La Canute in Lyon. Dieses und viele andere Unternehmen aus den Bereichen Wein und Spirituosen, Konfitüren und Honig, hochwertige Süßwaren und Joghurt setzen auf kurze Vertriebswege und Null Abfall. Wiederverwendbare Verpackungen, ob Mehrweg oder nicht, sind Teil ihrer Strategie.

Welche Vorteile bietet die digitale Technik? Bei den meisten dieser Unternehmen erfordern die Auftragsgrößen nur selten den Einsatz herkömmlicher Flexodrucklinien. Darüber hinaus handelt es sich um Produkte, die unterschiedlichen Zielgruppen angeboten werden. Canute, ein „traditionelles und urbanes“ Bier, ist in fünf Sorten erhältlich, die die verschiedenen Stadtteile von Lyon repräsentieren: Tête d'or, Croix Rousse, Confluence, Vieux Lyon und Grange Blanche. Darüber hinaus gibt es Herbstbiere, Weißbiere, IPA-Biere (India Pale Ale) und in Fässern gereifte Biere. Insgesamt etwa zwanzig Sorten, die je nach Jahreszeit und Tageslaune hergestellt werden – von kurzlebigen Bieren bis zu Bieren, die möglicherweise nie wieder gebraut werden.

Auch wenn es heute scheinbar unkompliziert ist, mit Digitaldruckmaschinen unterschiedliche Etiketten für verschiedene Zielgruppen herzustellen, müssen diese für ihre Wiederverwendung perfekt geeignet sein. So fordern es die Hersteller dieser Markenartikel. Und darum geht es auch bei Lorge. Doch die Herstellung wiederverwendbarer Etiketten ist durchaus eine Herausforderung. Zunächst müssen sie in einer Weise gedruckt werden, dass sie den Konsumentinnen und Konsumenten in den Verkaufsregalen ins Auge springen. Dann müssen sie bis zum Gebrauch perfekt auf den Flaschen haften bleiben. Und schließlich müssen sie sich ablösen lassen, wenn die Flaschen gereinigt und neu befüllt werden.

„Das hat uns echtes Kopfzerbrechen bereitet. Denn es gilt, das richtige Druckverfahren, den richtigen Bedruckstoff und den richtigen Klebstoff zu finden“, erklärt Loffreda. „Lösen sich die Etiketten nicht zum erforderlichen Zeitpunkt ab, bricht das gesamte Geschäftskonzept zusammen. Denn dann kommen verschmutzte Flaschen aus den Waschmaschinen, die für eine weitere Befüllung unbrauchbar sind.“ Im Laufe einer dreijährigen Entwicklungszeit studierte der Geschäftsführer die Spezifikationen von Waschmaschinen und ließ dutzende Tests ausführen. Dabei stellte sich heraus, dass die LEP-Technik (Liquid Electrophotography) von HP Indigo unter den Digitaldrucktechnologien für die Anforderungen des Unternehmens besser geeignet war als die Inkjet-Technik – geht letztere doch mit einem höheren Farbauftrag einher, der wiederum mit größeren Abfallmengen in den Waschmaschinen verbunden ist. Zudem unterstützte HP Indigo die Etikettendruckerei, indem das Unternehmen seinen Primer-Lack weicher machte.

„Die Formulierung des Primers verhindert, dass Wasser in das Papier eindringen kann. Um aber unser angestrebtes Ergebnis erzielen zu können, benötigten wir einen vollständig hydrophilen Bedruckstoff“, erklärt der Geschäftsführer. „Obwohl sie von unserer Marketing-Abteilung sehr geschätzt werden, mussten wir außerdem auf alle Arten von Vergoldungen und Lackierungen verzichten, da diese als Barriere gegen Wasser wirken.“ Als Material verwendet Lorge Aufkleber aus Papier von Avery Dennison mit einem Flächengewicht von 90 g/m2, also ein etwas schwereres Papier als das ansonsten übliche 80 g/m2-Material. Der acryl-basierte Klebstoff wurde so entwickelt, dass er sich leichter ablöst, wenn er in den Maschinen mit Wasser besprüht wird. Loffreda: „Angesichts der kleinen Bestellmengen und der besonderen Beschaffenheit des Bedruckstoffs kostet uns das Material das Zweieinhalbfache. Indem wir mit Formaten, Pooling und Mischungen spielen, versuchen wir diese zusätzlichen Kosten zu verringern.“ 

Die Zahl dieser Experimente wird noch deutlich zunehmen. Denn auf der einen Seite bieten LEP-, Inkjet- und Tonermaschinen technische Lösungen für den kostengünstigen Druck kleiner und (zunehmend) auch mittelgroßer Auflagen. Auf der anderen Seite gibt es Unternehmen, die die Veränderungen auf dem Markt im Marketing, bei den Regulierungen, in den Vertriebswegen (zum Beispiel E-Commerce) und in der Logistik zu antizipieren verstehen. In der Vergangenheit unterstützte die digitale Technik Hersteller im Marketing, bei der Individualisierung ihrer Druckerzeugnisse und in der Lieferkette, indem sie es ermöglichte, verschiedene Zielgruppen anzusprechen. Heute unterstützt sie bei Umweltfragen. Morgen wird das bei neuen Themen der Fall sein, die wir heute noch nicht kennen, da alles einer sehr schnellen Entwicklung unterliegt.

Noch einmal zu MR Cartonnages: Bei diesem Unternehmen glaubt man, dass Bestellungen von Faltschachteln für Luxusartikel eines Tages an Kassen in Geschäften ausgelöst und die verpackten Produkte später mit Drohnen an die Haushalte geschickt werden könnten. Das würde die Abläufe noch beschleunigen und die Effizienz noch erhöhen. 

Während die Digitaldrucktechnik unbestreitbar Vorteile für die Bewältigung der Herausforderungen der Zukunft bietet, müssen im Zusammenhang mit der Digitalisierung der nachfolgenden Prozessschritte in der Produktion von Druckerzeugnissen noch viele Aufgaben gelöst werden. Das gilt unter anderem für das Schneiden und Stanzen, die Veredelung mit 2D- und 3D-Lackierungen, das Prägen und das Metallisieren bis hin zum Verpacken und den logistischen Prozessen. In allen diesen Bereichen wurden inzwischen große Fortschritte erzielt. Das zeigen die Erfahrungen von Highcon beim Schlitzen und Rillen, von Scodix und MGI in der Veredelung sowie von SEI Laser im Schneiden und Stanzen. Jetzt gilt es, alle diese Prozesse miteinander zu verknüpfen und sie flüssiger zu gestalten. Das Ziel sind 100 % digitale und 100 % flexible Produktionslinien, die sowohl einige wenige als auch tausende Schachteln oder Etiketten drucken, veredeln und formen können – und dann ebenfalls automatisch in Pakete abpacken. Das erfordert zweifellos auch die Erzeugung umfassender Arbeitsdokumente („Super-PDF-Dateien“), die nicht nur die zu druckenden Motive enthalten, wie das heute der Fall ist, sondern auch alle erforderlichen Informationen zu den Druckprozessen, zur Veredelung und zur Weiterverarbeitung – bis hin zu den Kunden und ihren Verpackungsmaschinen. So weit sind wir noch nicht. Aber wir werden dorthin kommen. Wahrscheinlich früher, als wir das erwarten. Vielleicht werden wir solche Produktionslinien schon auf der drupa zu sehen bekommen.

Über den Autoren:

Tiziano Polito ist Stellvertretender Chefredakteur des Emballages Magazine der Infopro Digital Group. Seit mehr als 20 Jahren begleitet Polito den Transformationsprozess in der Verpackungsindustrie. Er glaubt fest an Innovationen und radikale Durchbrüche. Das 1932 gegründete Emballages Magazine befasst sich mit der Welt der Verpackungen und der Verpackungsmaterialien. Seine Zielgruppen sind all jene, die Verpackungen benötigen, Designer, Verpackungshersteller und Lieferanten von Maschinen für die Verpackungsindustrie. Das Emballages Magazine gibt der gesamten Verpackungsbranche Orientierung.

Tiziano ist erreichbar auf LinkedIn

 

Zitate

„Die Marktbedingungen zwingen viele Unternehmen dazu, eine digitale Verpackungsherstellung zu fordern.“

 

„Nach wie vor gibt es viele Hindernisse auf dem Weg zu einer vollständig digitalisierten Verpackungsproduktion. Aber es wurden bereits enorme Fortschritte erzielt. Weitere werden hinzukommen.“

 

„In der Vergangenheit hat die digitale Technik Hersteller im Marketing und in der Herstellung großer Auflagen personalisierter und individualisierter Druckerzeugnisse unterstützt. Heute hilft sie ihnen bei ökologischen Aspekten.“

 

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