Die Farbküche der Zukunft: Wie Algen, Soja und Hightech die Druckfarbenproduktion verändern -- drupa - 2028 - Messe Düsseldorf Zum Hauptinhalt springen

Die Farbküche der Zukunft: Wie Algen, Soja und Hightech die Druckfarbenproduktion verändern















Obwohl Druckfarben meist weniger als fünf Prozent des Gewichts einer Verpackung ausmachen, entscheiden sie direkt über deren Recyclingfähigkeit, Kompostierbarkeit und toxikologische Sicherheit. Strengere EU-Vorgaben zwingen Hersteller heute dazu, die chemische Architektur ihrer Materialien grundlegend neu aufzubauen. Doch wie entsteht industrielle Druckfarbe physisch? Ein Blick in die „Farbküche“ zeigt, wie sich die klassische Produktion durch landwirtschaftliche und biotechnologische Ansätze wandelt und welche Durchbrüche UV-Flexo- und Algentinten im Jahr 2026 mit sich bringen werden.

Die molekulare Basis: Woraus besteht eine Druckfarbe?

Jedes funktionierende Farbsystem ist ein hochpräziser chemischer Balanceakt, der auf vier Hauptkomponenten aufbaut: 

  • Den Anfang macht das Trägermedium. Wasser, Lösemittel oder Reaktivverdünner übernehmen die logistische Funktion und halten die Farbe exakt so flüssig, dass sie reibungslos vom Farbwerk über die Walzensysteme oder Druckköpfe auf das Substrat gelangt.
  • Harze oder Oligomere bilden das strukturelle Rückgrat der Tinte. Sobald die Farbe auf das Material trifft, verankert das Bindemittel die festen Bestandteile in der Oberfläche und härtet zu einem extrem widerstandsfähigen Film aus. Dieser Film muss später massiven mechanischen Belastungen standhalten, damit die Farbe beim Falzen, Stanzen oder Stapeln der Verpackung nicht abplatzt.
  • Die Pigmente sind für die sichtbare Optik verantwortlich. Damit die Farbe ihre volle Brillanz entfaltet, müssen diese mikroskopisch feinen Feststoffpartikel völlig gleichmäßig und ohne Klumpenbildung in der flüssigen Matrix schweben.
  • Den Abschluss bilden hochspezifische Additive. Wachse, Entschäumer oder Trocknungsbeschleuniger machen oft nur einen Bruchteil der Rezeptur aus. Aber sie sind entscheidend für die tatsächliche Performance im Druckereialltag. Sie verhindern, dass die Farbe in den Farbwerken aufschäumt, optimieren die Fließeigenschaften und sorgen dafür, dass der Druckbogen bei hohen Laufgeschwindigkeiten trocken in das nächste Druckwerk gelangt.

Die traditionelle Methode: enorme Kraft in der Perlmühle

Klassische, wasserbasierte oder UV-härtende Tinten entstehen in einem hartmechanischen Prozess. Die größte technologische Hürde sind dabei die Pigmente. Im Gegensatz zu löslichen Farbstoffen sind Pigmente unlösliche Feststoffpartikel – oft hochkomplexe organische oder anorganische Verbindungen –, die nicht schmelzen, sondern dem Druck später seine Deckkraft und Lichtechtheit verleihen. In der Fabrik kommen sie allerdings meist als harte, fest zusammengebackene Pulverklumpen an. Um diese aufzubrechen, nutzt die Industrie Rührwerkskugelmühlen, auch Perlmühlen genannt. Mikroskopisch kleine Zirkonoxidperlen rotieren mit gewaltiger kinetischer Energie und zerschlagen die Klumpen durch extreme Scherkräfte in ihre Primärpartikel. Die dabei entstehende massive Reibungshitze muss über spezielle Kühlmäntel abgeführt werden. Erst danach verdünnt der „Letdown-Prozess” die hochkonzentrierte Farbpaste mit weiteren Lösungsmitteln auf die endgültige Druckspezifikation.

Das Recycling-Dilemma

Bei UV-härtenden Tinten übernehmen reaktive Monomere wie TMPTA die Rolle des Lösungsmittels. Diese verdampfen nicht in der Maschine, sondern vernetzen sich unter UV-Licht blitzschnell mit dem Harz zu einem massiven Polymerfilm.

Das physikalische Problem entsteht am Ende des Lebenszyklus beim Papierrecycling. Um alte Druckfarbe wieder von der Faser zu trennen, nutzen die Recyclinganlagen die sogenannte Flotation. Das Prinzip ist rein physikalisch: In einem riesigen Wasser-Papier-Gemisch steigen Luftblasen auf. Die Farbpartikel sollen sich an diese Blasen heften, an die Oberfläche schweben und dort als Schaum abgeschöpft werden.

Doch was bei traditionellen Druckfarben gut funktioniert, scheitert am ausgehärteten Film der UV-Tinten. Das extrem widerstandsfähige Acrylatnetzwerk zerbricht beim Auflösen des Papiers in große, starre Plättchen. Diese Flakes sind zu schwer und zu flach, um von den feinen Luftblasen nach oben getragen zu werden. Sie fallen zurück in die Fasermasse und tauchen später als störende schwarze Flecken (Dirt Specks) im neuen Papier auf. Auch wasserbasierte Tinten bereiten beim Recycling Probleme. Sie fragmentieren in so winzige, wasserliebende Partikel, dass sie die aufsteigenden Luftblasen völlig ignorieren. Sie binden sich direkt an das Wasser und färben das gesamte Recyclingbad irreversibel grau ein.

Sojatinten vom Feld in die Maschine

Eine ökologische Alternative sind Tinten auf Sojabasis. Während die Produktion herkömmlicher Tinten an petrochemische Lieferketten gebunden ist, beginnt die Herstellung von Sojatinten auf dem Acker. Nach der Ernte walzen Industriemaschinen die Bohnen zu Flocken und lösen das Öl mithilfe von Hexan heraus. Anschließend muss das rohe Sojaöl von Wachsen und Schleimstoffen befreit werden, da diese den Druckprozess stören würden.

Der entscheidende Unterschied liegt im Trocknungsverhalten: Sojaöl verdunstet nicht. Die Tinte trocknet durch eine langsame oxidative Vernetzung mit dem Luftsauerstoff. Da dieser Prozess für industrielle Maschinengeschwindigkeiten zu langsam abläuft, mischen Hersteller metallische Katalysatoren (Sikkative) bei. Aus Umweltgründen verzichtet die Branche zunehmend auf das toxische Cobalt und setzt stattdessen auf Eisen- oder Cersalze, was die chemische Formulierung jedoch erschwert. Beim Papierrecycling punkten Sojatinten, da sie sich leicht von der Faser lösen. Perfekt sind sie allerdings auch nicht: Fettsäurereste können zu harzigen Verfärbungen im neuen Papier führen.

Algen aus dem Reaktor

Den wohl härtesten Bruch mit der konventionellen Produktion markieren algenbasierte Tinten. Sie ersetzen das problematischste Element schwarzer Tinte, das fossile Pigment „Carbon Black“ (Industrieruß). Anstatt Erdöl zu cracken, werden Cyanobakterien oder Grünalgen in industriellen Farmen gezüchtet.

Der technologische Kern der Herstellung ist die Pyrolyse: In Reaktoren wird die getrocknete Algenmasse unter vollständigem Sauerstoffausschluss extrem stark erhitzt. Ohne Sauerstoff verbrennt das pflanzliche Zellgerüst nicht, sondern karbonisiert zu reinem Kohlenstoffpulver. Dieser Prozess schließt das gebundene CO₂, das die Alge beim Wachsen aufgenommen hat, dauerhaft ein. Das reine Pigment wird deshalb mit -4,16 kg CO₂-Äquivalent pro Kilogramm – einer Maßeinheit, die die Wirkung aller Treibhausgase mit der von CO₂ vergleicht – bilanziell kohlenstoffnegativ. Um die hohen Kosten zu senken, investieren Hersteller massiv in die vertikale Integration. So entstehen Pyrolyse-Anlagen direkt an den Biomasse-Sammelstellen. Zudem werden mittlerweile auch biologische Abfallströme wie verbrauchte Hefe in die Reaktoren geleitet, wodurch sich die Pigmentproduktion deutlich preiswerter und flexibler gestalten lässt.

UV-Flexo, Lebensmittelrecht und der Weg zum CMYK-Druck

In den vergangenen Jahren gab es entscheidende Durchbrüche für den industriellen Einsatz von Algentinten. Bislang galt die Kombination aus organischen Algenpigmenten und reaktiver UV-Chemie als ungeeignet für den Hochgeschwindigkeitsdruck. Inzwischen gibt es jedoch auch fließfähige UV-Algentinten für konventionelle Schaber-Systeme im Narrow-Web-UV-Flexodruck. Bei der Produktion von Getränkeetiketten sank der CO₂-Fußabdruck durch den Einsatz schwarzer Algenfarbe von 4,27 kg auf 1,66 kg CO₂-Äquivalent.

Auch der Sprung zum CMYK-Farbraum rückt näher. Algen produzieren von Natur aus leuchtende Farben wie das blaue Protein Phycocyanin. Bisher zerfielen diese Proteine in der industriellen Verarbeitungshitze. Es ist Forschern jedoch mittlerweile gelungen, Phycocyanin auf Nanoskala in Emulsionen zu stabilisieren, sodass es auch unter thermischer Belastung brillant bleibt.

Gerade noch rechtzeitig, möchte man sagen, denn die Gesetzgebung zwingt die Farbhersteller zum Handeln. So hat die Schweiz beispielsweise beschlossen, dass sogenannte „Part-B-Substanzen“ (Chemikalien ohne umfassende toxikologische Evaluierung) in Lebensmittelverpackungen ab 2026 größtenteils verboten sind. Die Industrie muss etablierte Harze daher rasant durch voll evaluierte (Part-A-)Alternativen ersetzen. Das ist ein massiver Beschleuniger für saubere, biobasierte Produktionsabläufe.

Kreislaufwirtschaft statt Einbahnstraße

Ökologische Vorgaben bremsen die Druckmaschinen nicht mehr aus. Zwar wird die klassische UV- und Wasserchemie durch optimierte Recyclingverfahren spürbar sauberer, doch den echten Bruch mit der fossilen Vergangenheit liefern biotechnologische Ansätze. Druckfarbe liefert heute weit mehr als nur die Optik für das Regal. Sie ist ein entscheidender Faktor für die Dekarbonisierung und bestimmt letztlich, ob eine Verpackung im Müll verbrennt oder als sauberer Rohstoff im Kreislauf bleibt.

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