So sicher wie ein Geldschein – muss man sich leisten können -- drupa - 2028 - Messe Düsseldorf Zum Hauptinhalt springen

So sicher wie ein Geldschein – muss man sich leisten können














Fälschungsschutz 2026: Spagat zwischen High-End-Technologie und harten Verpackungsmargen

Die Europäische Zentralbank leistet sich beim Geldscheindruck maximale High-End-Technologie, denn der Stückpreis spielt kaum eine Rolle. Im kommerziellen Verpackungsdruck sieht die Rechnung völlig anders aus: Hier entscheidet jeder zehntel Cent an der Druckmaschine über die Marge. Wer Marken und Medikamente schützen will, muss extremen Fälschungsschutz und wirtschaftliche Serienfertigung unter einen Hut bringen. Fünf Schlüsseltechnologien für 2026 zeigen, wie dieser Spagat im Druckalltag gelingt.

Die Europäische Zentralbank (EZB) treibt eines der aufwendigsten Marken- und Sicherheitsprojekte des Jahrzehnts voran: die erste vollständige Neugestaltung der Euro-Banknoten seit deren Einführung. Während die bisherigen Serien stark von fiktiven Brücken und Toren geprägt waren, bringt das Jahr 2026 den klaren Schnitt. Eine unabhängige Fachjury wählte aus über 1.200 Entwürfen zehn finale Designkonzepte aus, die gesellschaftliche, kulturelle und ökologische Themen in den Mittelpunkt rücken. 

Die Vorschläge reichen von „Europäische Kultur“ (mit Porträts von Marie Curie, Leonardo da Vinci oder Ludwig van Beethoven) bis zum naturfokussierten Motiv „Flüsse und Vögel“, das heimische Arten wie den Säbelschnäbler inszeniert. Neben der Ästhetik stehen aber auch funktionale Merkmale im Vordergrund: eine längere Lebensdauer der Substrate durch Konzepte wie „Green LongLife“, verbesserte haptische Erkennungsmerkmale für Sehbehinderte sowie die Erforschung digitaler Prüfmethoden per Smartphone.

Für Zentralbanken spielen die reinen Herstellungskosten bei der Einführung solcher High-End-Merkmale eine untergeordnete Rolle. In der kommerziellen Druckindustrie für Pharmazeutika, Kosmetika, Eintrittskarten, Zertifikate und hochwertige Markenprodukte sieht die Rechnung völlig anders aus. Fälschungsschutz bei einer anspruchsvollen Verpackung oder bei der Produktion industrieller Etiketten ist eine harte betriebswirtschaftliche Kalkulation: Der Aufwand für das Sicherheitsmerkmal auf dem jeweiligen Print-Produkt muss immer in einem gesunden Verhältnis zum realen Wert der geschützten Ware stehen. Wenn der Aufwand den Produktwert auffrisst, kippt die betriebswirtschaftliche Logik.

Wie lässt sich dieses extreme Sicherheitsniveau auf industriell skalierbare, meist kostengetriebene Prozesse im Drucksaal übertragen? Ein Blick auf die fünf wichtigsten Sicherheitsdruck-Technologien des Jahres 2026 zeigt die Bandbreite und die technischen Herausforderungen an der Druckmaschine.

1. Serialisierung und variable Sicherheits-Barcodes

  • Häufigkeit: Sehr hoch / Industriestandard
  • Anwendung: Die eindeutige Identifizierbarkeit ist die Basis für lückenlose Rückverfolgbarkeit und Logistiksicherheit. Insbesondere bei einer schutzbedürftigen Verpackung im Pharmasektor gemäß der EU-Falsified Medicines Directive (FMD) oder bei der Kennzeichnung von Luxusgütern mit fälschungssicheren Etiketten kommen komplexe 2D-Codes zum Einsatz. Formate wie DataMatrix- oder QR-Codes verschlüsseln große Datenmengen auf minimalem Raum manipulationssicher.
  • Umsetzung & Wirtschaftlichkeit: Günstig bis moderat (Digitaldruck). Da sich der Code von Verpackung zu Verpackung ändern muss, ist diese Technologie eine Domäne des Digitaldrucks über Highspeed-Inkjet sowie Toner- und Laserdruck-Systeme. Dabei drucken sie oft nur den Code und andere sich ändernde Merkmale, während der Großteil des Produkts schon vorher in einem anderen Druckverfahren hergestellt wurde.
  • Herausforderung: Das Nadelöhr ist nicht der eigentliche Druckprozess, sondern die Qualitätskontrolle in Echtzeit bei extremen Produktionsgeschwindigkeiten. Jedes einzelne Pixelmuster muss inline per Kamerasystem erfasst, decodiert und nach ISO/IEC-Standards (etwa ISO/IEC 15415) bewertet werden. Unleserliche Codes oder Dubletten werden maschinell aussortiert, bevor sie das gesamte Track-&-Trace-System gefährden. Einige Verfahren zielen darauf ab, physikalische Codestrukturen und Papiertexturen direkt für den Verbraucher per Smartphone-Kamera verifizierbar zu machen.

2. Spezialtinten (UV-Fluoreszenz, Infrarot und Magnetfarben)

  • Häufigkeit: Hoch / Weit verbreitet
  • Anwendung: Diese physikalisch-chemisch modifizierten Formulierungen bilden das Rückgrat der automatisierten Echtheitsprüfung in Sortieranlagen, Zollkontrollen oder Geldautomaten.
    • UV-Fluoreszenztinten nutzen organische oder anorganische Pigmente, die unsichtbares UV-Licht absorbieren und im sichtbaren Spektrum leuchten. Raffiniert sind Dual-Wellenlängen-Tinten, die unter 365 nm UV-Licht in einer anderen Farbe aufleuchten (beispielsweise Rot) als unter kurzwelligem 254-nm-UV-Licht (beispielsweise Grün).
    • Infrarot- und Anti-Stokes-Farben (Upconversion) absorbieren IR-Licht oder emittieren durch hochkomplexe Kristallstrukturen nach Bestrahlung mit energiearmem Infrarot (etwa bei 980 nm) energiereicheres, sichtbares Licht.
    • Magnetfarben (MICR) enthalten ferromagnetische Pigmente und dienen der schnellen Auslesung von Banknoten und Schecks.
  • Umsetzung & Wirtschaftlichkeit: Moderat (Analog- und Digitaldruck). Spezialtinten lassen sich gut in bestehende analoge Werkssysteme für den Flexodruck, Offsetdruck oder Siebdruck integrieren. Das hält die variablen Stückkosten bei mittleren und großen Auflagen gering. Auch der digitale Inkjet-Druck gewinnt hier an Bedeutung.
  • Herausforderung: Partikelgröße und Dichte dieser Spezialpigmente verändern die Fließeigenschaften (Rheologie) der Farbe deutlich. Bei analogen Druckverfahren führt dies zu erhöhter Abrasivität und schnellem Werkzeug- sowie Plattenverschleiß (besonders bei MICR-Tinten). Im digitalen Inkjetdruck drohen die großen Pigmente die feinen Düsen zu verstopfen (Nozzle Clogging), was aufwendige Dispergiertechniken verlangt. Bei UV-härtenden Fluoreszenztinten konkurrieren die absorbierenden Pigmente zudem mit den Photoinitiatoren um das UV-Licht der Trocknungsstrahler. Für den Einsatz bei Pharma-, Kosmetik- oder Lebensmittelverpackungen sind EuPIA-konforme, migrationsarme Formulierungen gefordert, die gleichzeitig recyclingfähig sein müssen.

3. Mikrotext und Guillochen

  • Häufigkeit: Mittel
  • Anwendung: Guillochen sind präzise, mathematisch berechnete und ineinander verschlungene Linienstrukturen. In Kombination mit Mikrotexten (Schrifthöhen unter 0,2 mm, die dem bloßen Auge als einfache Linie erscheinen) bieten sie wirksamen Schutz vor Kopierversuchen. Da digitale CCD- und CMOS-Bildsensoren von handelsüblichen Scannern an ihre Auflösungsgrenze stoßen, bricht das kontinuierliche Linienmuster beim Digitalisieren in ein Punktraster auf. Das erzeugt charakteristische Moiré- und Überlagerungseffekte.
  • Umsetzung & Wirtschaftlichkeit: Moderat bis aufwendig (Hochauflösender Offsetdruck oder Präzisions-Inkjet). Während Banknoten im extrem teuren Stichtiefdruck (Intaglio) geprägt werden – bei dem zähflüssige Tinte unter Drücken von über 80 Tonnen aus Stahlplatten in das Baumwollpapier gepresst wird, um ein spürbares Relief zu erzeugen –, greift die kommerzielle Industrie bei Wertpapieren, Urkunden oder fälschungssicheren Etiketten meist auf hochleistungsfähige Offsetdruckmaschinen oder digitale Print-Equipment-Lösungen mit mindestens 1200 dpi zurück.
  • Herausforderung: Der kritische Faktor ist die physikalische Tonwertzunahme (Dot Gain). Da sich flüssige Tinte nach dem Auftreffen kapillar entlang der Papierfasern ausbreitet, drohen feinste Linien und Schriften vor der vollständigen Trocknung zuzulaufen und zu verschmelzen. Dies erfordert eine exakte Steuerung der Oberflächenspannung des Bedruckstoffes, exakt abgestimmte Trocknungsgeschwindigkeiten sowie eine hohe Passergenauigkeit bei mehrfarbigen Linienführungen.

4. Optisch variable Bauteile (OVDs) und Hologramme

  • Häufigkeit: Selten
  • Anwendung: Kinegramme, Satelliten-Hologramme oder optisch variable Effekte verändern ihr Motiv oder ihre Farbe je nach Beleuchtungs- und Betrachtungswinkel. Sie dienen Verbrauchern als intuitives, ohne Hilfsmittel prüfbares Echtheitsmerkmal für hochwertige Dokumente wie repräsentativen, fälschungssicheren Visitenkarten im Premiumsegment bis hin zu Pässen, Kosmetika und Markenverpackungen.
  • Umsetzung & Wirtschaftlichkeit: Aufwendig und teuer (Heiß-/Kaltfolienprägung oder Digital Embellishment). Die Herstellung des physikalischen Masters für Hochsicherheits-OVDs erfolgt in der Elektronenstrahllithografie (E-Beam Lithography): Nanometerfeine diffraktive Gitter (0,5 bis 30 Mikrometer Tiefe) werden in Fotolack geschrieben und galvanisch zu Prägestempeln (Nickel-Shims) abgeformt. Im kommerziellen Seriendruck werden diese Folien über Heiß- oder Kaltfolientransfersysteme appliziert. Für Kleinauflagen oder personalisierte Veredelungen setzt sich das digitale Lackieren und Folieren (Digital Embellishment) durch.
  • Herausforderung: Analoge Prägeverfahren verursachen enorme mechanische Rüstzeiten und Werkzeugkosten für gravierte Metallzylinder. Digitale Veredelungssysteme tragen UV-Lacke werkzeuglos über piezoelektrische Düsen auf. Die größte physikalische Hürde liegt in der dreidimensionalen Flusssteuerung: Um einen spürbaren Reliefeffekt zu erzielen, müssen variierende Lackschichten von 21 µm bis zu 116 µm in einem einzigen Durchgang randscharf aufgebaut werden.

5. Forensische Marker (DNA-Biomarker & Tagging)

  • Häufigkeit: Sehr selten / Exotisch
  • Anwendung: Diese Merkmale der Stufe 3 dienen als unanfechtbarer Beweis vor Gericht. Unsichtbare molekulare Markierungssysteme werden in winzigen Konzentrationen (im ppm- oder ppb-Bereich) direkt in Trägerlacke, Druckfarben oder Papiersubstrate eingemischt, um eine hochwertige Verpackung oder sensible Dokumente im Premium-Bereich abzusichern.
    • Botanische, synthetische DNA (wie etwa SigNature DNA) codiert fälschungssichere genetische Informationen.
    • Dual-Color Center Diamonds sind mikroskopisch kleine synthetische Diamantpartikel mit gezielten Gitterfehlstellen (Germanium- und Silizium-Vakanzen). Unter Anregung eines 532-nm-Lasers emittieren sie spezifische, physikalisch getrennte optische Signale (Raman-Streuung, Zero-Phonon-Lines), was eine unklonbare Signatur mit hoher Informationsdichte erzeugt.
  • Umsetzung & Wirtschaftlichkeit: Extrem aufwendig und sehr kostenintensiv. Die Verifikation ist im Produktionsprozess nicht inline möglich und erfordert zeitintensive Laboranalysen (PCR-Tests) oder spezialisierte mobile Raman-Spektrometer. Die Qualitätskontrolle erfolgt daher stichprobenartig nach der Produktion.
  • Herausforderung: Die größte Hürde ist die physische Überlebensfähigkeit der Marker im Druckprozess. Die Herstellung hochviskoser Offset- oder Sicherheitsdruckfarben erfordert mechanisch aggressive Dispergierverfahren (etwa auf dem Dreiwalzenstuhl). Die dabei auftretenden hydrodynamischen Scherkräfte können die empfindlichen, langkettigen DNA-Moleküle mechanisch zerreißen und somit deren Codierung zerstören. Zudem müssen die Marker resistent gegenüber aggressiven chemischen Lösungsmitteln und reaktiven Monomeren in UV-Farben sein.

Digitale Produktpässe und unkopierbare Fingerabdrücke

Die Ära isolierter, passiver Sicherheitsmerkmale neigt sich allerdings dem Ende zu. Getrieben durch die europäische Ökodesign-Verordnung (ESPR) wird ab 2026/2027 schrittweise der Digitale Produktpass (DPP) zur Pflicht. Dies betrifft ab 2027 Batterien und ab 2028 Textilien, bei denen extrem widerstandsfähige, waschbare RFID-Garne (wie das e-Thread-Garn) als unzerstörbare Produkt-IDs direkt in das Gewebe eingenäht werden, um die Brücke zur digitalen Produktakte zu schlagen.

Während das nationale Verpackungsgesetz (inklusive der PPWR-Vorgaben) primär stoffliche Kreisläufe und Recyclingfähigkeit regelt, schlägt der Digitale Produktpass (DPP) die Brücke zur digitalen Produktakte. Da gedruckte QR-Codes allein jedoch leicht kopiert werden können, rücken sogenannte Physical Unclonable Functions (PUF) in den Mittelpunkt der Forschung. Diese Technologie macht die physikalische Zufälligkeit des Trägermaterials zum fälschungssicheren Sicherheitsmerkmal. Bei einer Papierfaser-PUF wird das einzigartige, unklonbare Fasermuster eines Papierbogens direkt nach dem Druck per Smartphone gescannt und als kryptografischer Hash-Wert in einer dezentralen Datenbank (etwa Blockchain) hinterlegt. Auch bionische optische Signaturen, materialgebundene Textur-Fingerabdrücke (Paper/Porcelain Fingerprinting) oder zeitaufgelöste physikalische PUFs (Time-Dependent PUFs), deren optische Emission unter Triplett-Exzitonen dynamisch über die Zeit abklingt, machen eine Fälschung physikalisch unmöglich.

Reguliert durch globale Branchenstandards wie ISO 14298 für das Management physischer Sicherheitsdruckprozesse und ISO 22381 für die informationstechnische Interoperabilität verschmelzen physische Materialexzellenz und digitale Kryptografie zu einem vernetzten, fälschungssicheren Sicherheits-Ökosystem der Zukunft.

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